Lyrics · Gedichte · Texte by Jost Schalling
Mein Spiegelbild
Ach dürfte doch bei meinem Spiegel, nur
einmal hinters Glas ich schaun,
was würde wohl ich dort entdecken, könnt
ich danach mir selbst noch traun?
Erblickt mich dort die fiese Fratze, der
ungeschminkte Egoist,
der auf Kosten andrer Leute, stets vom
goldnen Teller isst?
Müsst ich beim Prassen mich entdecken,
"trink stets nur Sekt, dass gönn ich mir",
doch hab ich Grund einmal zum Feiern, ist
Wasser dann mein Elixier?
Auf den Schultern meines Kindes, prahl ich
mit dessen Intellekt,
schaut her Kollegen "ganz der Vater", ob
das wohl meinem Sohn so schmeckt?
Fände in der Chefetage ich meinen eignen
Schleim im Flur?
Verschweig gern meine Fehlentscheidung,
es schadet doch dem Ego nur!
Bitte ich für meine Taten ein ganzes Volk
zum Aderlass?
Und gehe dann beim Staat noch Betteln,
Gewissen? Wie? Was ist denn das?
Lüg` ich dreist und mach Versprechen, die
ich eh nie halten kann,
dann habe ich mich nur "versprochen", die
Rechnung zahlt der kleine Mann!
Zitternd und mit weichen Knien, wage ich
den Blick zurück,
da steh ich noch, wie ich mich kenne, steh
vor dem Spiegel, "Welch ein Glück!"
Info:
Geschrieben von Jost Schalling · Chemnitz, den 15.05.2009
Das Gedicht "Mein Spiegelbild" wird von der BRENTANO-GESELLSCHAFT Frankfurt/M. in der FRANKFURTER BIBLIOTHEK 2009 (Kategorie A) veröffentlicht.
Zitat (Brentanogesellschaft):
"Die Frankfurter Bibliothek gehört zu den am meistenverbreiteten Lyrikveröffentlichungen der letzten Jahrzehnte. Sie wird weltweit in den bedeutendsten Bibliotheken eingestellt, z.B. in der Wiener Staatsbibliothek, in der Schweizer Nationalbibliothek, in der Französischen Nationalbibliothek und in der National Library of Congress in Washington."
